Wer meint libanesische Politik verstanden zu haben, der hat sie nicht verstanden

 Ich komme gerade von einer Vorlesung zum Thema Kirchen im Libanon. Heute war die Melkitische Kirche dran, eine Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten versucht eine arabische Identität zu bewahren und gleichzeitig im Kirchenverbund mit der Katholischen Kirche in Rom zu sein. So kamen wir auf die Frage der religiösen und gesellschaftlichen Identität im Libanon.

Es gibt hier seit Jahrzehnten eine politische Vereinbarung, dass die wichtigsten Konfessionen im Parlament mit einer bestimmten Anzahl von Sitzen vertreten sein sollen. Diese Abmachung hat ein besonderes Gewicht, denn sie hat den 15-jährigen Bürgerkrieg vor 30 Jahren beendet und ein gewises Maß an Stabilität gebracht. Viele verbinden mit ihr also die Erinnerung an die Beendigung des dauernden Schießens. Diese Vereinbarung teilt nicht nur das Parlament auf, sondern vergibt auch wichtige Staatsposten jeweils nach Konfession.

Vor allen Dingen junge Leute möchten aber gerne Politik und das religiöse Leben stärker trennen. “Wir müssen diese Zerstückelung der Gesellschaft aufheben, damit wir zu effizienten Lösungen kommen. Religiöse Bestimmungen und Proporzüberlegungen haben zu viel Raum. Libanon hat nur dann eine Chance, wenn nicht die religiös gewünschten Politiker gewählt werden, sondern die besten. Sonst ist Vetternwirtschaft und Korruption Tür und Tor geöffnet.”

Niemand weiß so recht, wie eine stärkere Trennung von Religion und Statt erreicht werden kann, ohne dass die Gesellschaft insgesamt ins Rutschen kommt. Und wer ist überhaupt dafür verantwortlich? Und wer profitiert? Sind es die da oder profitiere auch ich?

Mal wird der Einfluss ausländischer Mächte für das starre System verantwortlich gemacht, mal die Geschichte, mal die “Kaste der Politiker” überhaupt.

Nach eingen Gesprächen gewann ich den Eindruck, dass viele Leute sich einen modernen Staat ohne religiöse Bindung wünschen . Bestimmte Lobbygruppen verhinderten das gegen den Willen der einfachen Leute. “Die Menschen kommen nicht gegen eine kleine Schicht von Verantwortlichen an. Ginge es wirklich demokratisch zu, wäre es bald ganz anders.” So dachte ich bisher. Heute bin ich deutlich ins Grübeln gekommen.

Wir haben über die Libanesen, die ins Ausland ziehen, gesprochen. Die außerhalb des Heimatlandes nun viel freier sind zu wählen. Wo gehen die eigentlich zur Kirche? Wo finden sie ihre Bindung in einer neuen Umgebung? Nutzen Sie die neuen Chancen?

Die gehen in dieselbe Kirche wie bisher. Das war die Erfahrung mancher Teilnehmer im Kurs. Die innere Bindung an die Liturgie, bestimmte Gebete, die bekannte Art des Glaubens ist so groß, dass auch im Ausland gar nicht so einfach zu einer anderen Kirche gewechselt wird. Es ist schon eher ungewöhnlich, dass ein Maronit in den Gottesdienst einer melkitischen Kirche geht oder ein assyrisch orthodoxe Christ zu den Katholiken. Die Herzensbindung ist stark, die gewohnten Formen haben eine Wirkung. Die Menschen suchen die Sicherheit in der Diaspora auch innerhalb der alten Konfession. Könnte es sein, dass diese Liebe zum Bekannten, Gewohnten, der Tradition überhaupt ein Merkmal libanesicher Lebensart ist?

Könnte es sein, dass diese persönliche konfessionelle Gebundenheit auch im Libanon selbst stark wirkt? Zusammen mit dem Gefühl, außerhalb der eigenen Religionsgruppe ungeschützt zu sein, macht das vielleicht einen guten Teil der Stabilität der aufgeteilten libanesischen Gesellschaft aus. Unterstützen die Menschen mit ihrem Lebensstil und ihrer inneren Einstellung das, was man „Lebanese Sectarianism“ nennt, die stark gegliederte Gesellschaft des Landes? Kommt der mangelnde Wille zu gesellschaftlicher Veränderung wirklich “von außen”?

Korruption, Unfähigkeit und Festhalten an einem erstarrten System werfen junge Leute den Politikern vor. Wenn die alten Seilschaften weg wären, dann könnten wir besser ein fähiges Parlament bilden und eine effektive Regierung.

Nach der heutigen Diskussion frage ich mich, ob die Mehrheit der Menschen hier das will. Vielleicht ist es besser, sich mit dem alten libanesischen Kastenwesen zu arrangieren, als sich in die Unsicherheiten eine Zukunft zu wagen, in denen die Religionen deutlich weniger Einfluss haben. Gerade in einer Zeit, in der es wirtschaftlich schlecht geht.

Politisches Änderung ist immer ein Wagnis. Vielleicht ist sie die Zeit noch nicht reif dafür. Die Wahlen im kommenden Frühjahr geben sicherlich einen Hinweis.